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24

Jul

2009

Sonnenfinsternis in CHINA

Eclipsenjäger

Und es wurde für einige Minuten dunkel...
Und es wurde für einige Minuten dunkel...

"Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und führte einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und gab ihn an Weingärtner in Pacht und zog außer Landes". (Aus der Hotelbibel,  Marcus, Kap.12)

 

 

17.Juli

Im Flugzeug
Im Flugzeug

Wir ziehen außer Landes - es ist so weit, wir sitzen im Flieger. Nach unserer Zeit ist es halb sechs nachmittags, aber die Fenster im Flugzeug wurden gleich nach dem Start verdunkelt. Jetzt schlafen viele, besonders Chinesen. Wir sind gut versorgt - mit Essen und Getränken, ein Bier fehlt auch nicht. Der Flug dauert etwa 10 Stunden, um 7  sind wir dann in Schanghai. In der Nacht vor dem Abflug haben wir in Frankfurt übernachtet, und nun sind wir ausgeschlafen. Ab und zu drifte ich weg, dann bin ich wieder da, lese oder schreibe. Unsere Gruppe aus Deutschland besteht aus 8 Personen, die alle ein Gruppenvisum teilen. Matthias ist der "Anführer"- er hat das Originalvisum und muss uns bei der Anreise represäntieren. Er darf auch das Visum nicht verlieren, sonst sind wir erschossen!

18. Juli

chinesisches Las Vegas
chinesisches Las Vegas

Die Verdunkelung im Flieger war auch ein Nachtschlaf, nur dass unser Körper auf chinesische Befehle nicht reagiert hat: der Schlaf wollte nicht kommen. Wir beschäftigten uns wie wir nur konnten. Die Athmosphäre im Salon war entspannt, die freundlichen Stewardess brachten andauernd Getränke. Nach 8 Stunden ging draußen die Sonne auf: dabei ging sie für uns erst gar nicht unter! Dadurch wurden wir um unsere Nacht betrogen, nach der Landung fing in Schanghai der Morgen an, und nach allen Formalitäten gingen wir mit unserem chinesischen Reiseführer auf eine Stadttour, zuerst mit Rapidbahn (430km/Std, die 30-Minuten-Strecke in 7 Minuten absolviert!). Es war heiß, und es stand ziemlich viel auf dem Programm. Mit dem Bus besichtigen wir die Stadt mit ihren Riesenkolossen aus Beton, Stahl und Glas mit bis zu 100 Stockwerken, sehr dicht aneinadergebaut. Schanghai ist die zweitgrößte Stadt mit 18 Millionen EWinwohnern, Peking folgt ihr mit 14 Millionen, wobei die Fläche von Schanghai kleiner als in Peking ist. Auf unserer Rundreise durch das Zentrum machen wir viele Stopps, Fotopausen, besichtigen die Aussichtsplattform eines der Hochhäuser in der 88. Etage. Der Lift bringt uns in 9 Sekunden nach oben. Der Reiseführer ist sehr stolz auf diese technischen Superlativen seines Landes. Wir wissen es nicht gebührend zu schätzen: die Hitze und die Schwüle, dazu der mangelnde Schlaf lassen uns immer wieder einnicken im Bus. Nach einem Mittagessen in einem der Luxushotels hat er Erbarmen mit uns und bringt uns ins Hotel, wo wir die nächsten Tage bis zur Sonnenfinsternis verbringen werden.

Unser Reiseführer ist ein junger, intelligenter Mann, der gut Deutsch spricht. Mit Humor bringt er uns Geschichtliches und Mentalität seiner Landsleute bei. Er erzählt auch, dass er Ende 90-er in Deutschland Sprache erlernt hatte, dass es ihm schwer fällt, alle der-die-das sich zu merken. Und das er nie verstehen konnte, warum es in Deutschland so viel Fremdenhaß gibt: einer seiner Mitstudenten wurde in Berlin Marzahn ohne Grund von Jugendlichen mit einer Flasche ins Gesicht geschlagen. Und das Mao in China von 30% der Leute negativ beurteilt wird -  viele verdanken ihm die Schaffung der Republik, des Landes also, worauf die Leute immer noch sehr stolz sind. 1999 bekam China Hong-Kong zugeteilt, vor kurzem auch Macau dazu. 2030 wollen die Chinesen Japan ihr Eigenes nennen und 2040 wird dann auch Deutschland unter chinesischer Hand sein. Das sollte ein Witz sein. Aber das, was sich als Witz anhören sollte, zeugt von den ergeizigen Plänen und Absichten der neuen Generation. Europa veraltert und wird zunehmend kleiner, man braucht jetzt schon ausländische Arbeitskräfte.

China ist enorm groß und hat viel junge Leute. Sie sind fleißig, ehrgeizig, vital, hungrig nach Wohlstand. Sie arbeiten bis zum Umfallen, und wenn einer nicht weiter kann, kommen an seine Stelle 10 neue. Es ist wie im Märchen vom Drachen:  hackst du ihm einen Kopf ab, wachsen an dieser Stelle drei andere. Viele in Schanghai arbeiten auch nach dem Feierabend: wir haben ihre Geschäftigkeit an den fliegenden Händlern gesehen, die ihre Erzeugnisse (Backwaren, Obst, Getränke) verkaufen. An den hochgepackten Fahrradfahrern, die unter ihrer Last fast vergraben sind und nur ein Fahrrad mit den Packrollen enormer Größe im Straßenverkehr weiter rollt. Was die Verkehrsmittel der Chinesen anbetrifft, so ist es nicht selten, dass eine ganze Familie auf einem Mofa Platz findet. Die Kinder kennen keinen Kindersitz und Sicherheitsgurte, sie fahren vorne im Stehen oder auf dem Gepäckträger hinten. Sogar im Taxi waren die Gurte so gur gesichert, dass man sie nicht herausziehen konnte.

           Schanghai ist eine Stadt der Kontraste: die imposanten Gebäude und abends beeindruckende Beleuchtung, der bunte Trubel auf den Staßen, bis in die Nacht geöffneten Kaufhäuser mit Klimaanlagen und vollen Auslagen zeugen von Wohlstand. Aber auch gleich im Zentrum, sowie die Sonne untergeht, legen sich die Obdachlosen mitten auf die Straßen zum Schlafen. Das sind die Gastarbeiter der Stadt, die ohne Job und ohne Bleibe in der Stadt hängen geblieben sind. Ohne Ausbildung versuchen sie ihre Muskelkraft gegen Arbeit einzutauschen, erfolglos. Auch Bettler und "Rollex"-Uhrenverkäufer gehören zur Szene. Und das alles passiert so freundlich und voll Gemütlichkeit, dass es einfach zu schade ist, immer absagen zu müssen.

20.Juli

Das Essen in China ist ein Kapitel für sich. In der freien Zeit gehen wir in die Schnellrestaurants. "Mr.Lee" ist das chinesische Equivalent zum MCDonalds und ist mittlererweise unser Stammlokal. Auch andere Europäer sind hier zu Hause. Das Essen ist frisch, nahrhaft und belastet den Körper nicht, was bei den subtropischen Temperaturen von 40 Grad sehr wichtig ist. Wir bestellen ein Nudelgericht mit Rindfleisch (suppenartig), Salate und Bier. Die Bestellung erfolgt am Tisch, eine Bildkarte mit Gerichten erleichtert die Konversationen. Esstäbchen und Servietten kommen gleich auf den Tisch, 5 Minuten später das kalte Bier, das etwas wässrig aber erfrischend schmeckt. Nun kommt unsere Bestellung. Wir packen die Stäbchen aus und versuchen unser Glück. Bei Salat klappt es einigermaßen, das Fleisch aus der Schüssel zu fischen geht auch gut. Nur mit den langen Nudeln klappt es nicht : die rutschen durch die Stäbe. Auch auf dem Löffelchen, das wie eine Klaue aussieht, bleiben die Fäden nicht haften. Wir schauen uns um, wie es die Chninesen machen: sie halten ihren Mund am Rande der Schüssel und mit den Stäbchen führen sie ihre Nudelportion rein. Dabei schlürfen sie mächtig. Hm, das gehört zur Esskultur. Oder haben Sie mal versucht, die glitschigen Nudeln ganz elegant nut mit der Gabel in den Mund zu bekommen? Na also. Eine stämmige Chinesin  bringt uns das Besteck - oh, Erlösung. Wir werden satt und unsere Sachen bleiben sauber.

       Immer mehr Gäste aus der ganzen Welt kommen zur SoFi in die Stadt. Wir erfahren, dass alle Hotels ausgebucht sind, dabei sind die Preise fast wie bei uns: bei 100 Euro pro Nacht. Es sind aber sehr luxuriöse Hotels, ich genieße die Gastlichkeit in unserem sehr.

      Wir treffen unsere Bekannten aus Altenburg, das Ehepaar war letztes Mal in Novosibirsk mit dabei und Matthias hält Kontakt zum Mann. Sie sind grade frisch eingeflogen und mussten wie wir eine Stadtrundfahrt absolvieren. Und heute ist es eine Spur heißer als gestern. Wir müssen aber weiter zu unserem Besichtigungsprogramm - Besuch eines chinesischen Gartens, einer Seidenspinnerei, einer Süßperlenzucht und eines Teehauses, alles mit Verkaufsveranstaltungen, wo man die überteuerten staatlichen Produkte zum Kauf mit einem Echtigkeitszertifikats bekommt. Die Masse der Erzeugnisse beeindruckt, nur dass es die kopierten Ideen sind. Der Fleiß der Arbeiter ist enorm, und alte Meister zu kopieren gehört zur Philosophie hier. Dabei kommen die Menschen nicht dazu, ihre eigenen Ideen zu entwickeln und sie auszuleben. Und dann kennen sie den Geschmack der Europäer nicht, dazu müssen sie einige Jahre in Europa leben, sich entwickeln. Ich atme erleichert aus: hier erwartet uns keine Konkurrenz. Jahrtausendalte Erziehung, sich anzupassen erlaubt keine Individualität, das führt zum Ideenstopp. Solange das Klein-Lee genug vom Wohlstand kriegt und reichlich zu essen bekommt und beschäftigt wird, gibt es für Europa keine Gefahr einverleibt zu werden.

Enorm ist aber auch Energie- und Rohstoffverbrauch, was sicherlich bei diesem Wirtschaftswachstum hier zur Verknappung und der Verteuerung der Ressourchen auf dem Weltmarkt führen wird. Dann ist auch in China die Produktion nicht mehr so preisgünstig.

       Dank der Kopierlust der Chinesen konnten wir das Aquarium nach amerikanischem Vorbild besichtigen. Heute war unser freier Tag. Ein alleinreisender älterer Herr (82!) hat uns zu diesem Besuch inspiriert. Es wollten zwei andere Herren mit uns mitkommen, aber einer von ihnen hat gestern von den Kirschen eines der fliegenden Händler genascht und hat nun Magen-Probleme. Ich hoffe im Stillen, dass es keine Ruhr ist, sonst kommt er ins Krankenhaus und wir alle in die Quarantäne. Die Chinesen sind jetzt ganz streng mit der Gesundheitskontrolle - auf dem Flughafen haben sie uns alle eine Gesundheitserklärung unterschreiben lassen, und von den Chinareisenden hört man Hororgeschichten, dass bei der Einreise aus den chinesischen Sumpfgebieten bei den Touristen gleich Fieber gemessen wird, und wenn nur einer Fieber hat, wird die ganze Gruppe in die Quarantäne geschickt.

           Nach der Vormittagstour mit dem Taxi zum Museum und zurück (Taxi ist so preiswert hier!) gingen wir auf Souvenirjagd (es ist immer noch sehr heiß - knapp 40 Grad, und ringsum nur Asphalt, Autos und Wolkenkratzer). Matthias will zum 50.Geburtstag seines Chefs etwas Authäntisches kaufen. Wir werden fündig: etwas sehr Hochprozentiges (52%), schön eingepackt und mit chinesischen Schriftzeichen versehen, packen wir in den Einkaufswagen ein; und ich für meine Freunde und Verwandten noch mal einige kleinen Väschen und Behälter aus Keramik mit 52%-igem Inhalt. Solche Mini-Dinge sind so hübsch, am liebsten hätte ich meinen Koffer voll davon genommen -  man denke aber an den Zoll!

      Die restliche Zeit nutzen wir an diesem Tag, unser Schlafdefizit nachzuholen. Diese verdammte Hitze macht einen so müde!

     Nächstes Jahr ist hier eine EXPO-Ausstellung, die ganze Stadt ist deswegen eine riesige Baustelle. Man sieht überall in den Hochhäuser-Skeletten Bauarbeiter in der Mittagshitze mit dem Kopf nach unten hängen und etwas dort verrichten. Meistens sind es Männer in unserem Alter, die solche schweren und gefährlichen Arbeiten machen. Man sagt auch, verlorene Generation: sie haben keine Ausbildung und besitzen nur ihre Muskelkraft, die nicht mehr in dieser Gesellschaft benötigt wird. Das Überangebot daran führt dazu, dass viele dann ohne Arbeit in Schanghai hängen bleiben, und da sie kein Geld und keine Arbeit haben, versuchen sie um jeden Preis durchzukommen, auch mit Kriminalität, wenn es sein muss. Es ist die Jugend, die gut bezahlte Stellen hat, viel Geld verdient und auch dieses Geld mit beiden Händen gerne ausgibt.

22.Juli

Am Vortag sind wir im Wasserdorf Wuzhen angekommen. Das ist ein über 100 Jahre altes Dorf, rekonstruiert und mit allen modernen Schikanen ausgestattet: Internetanschluß, Klimaanlage, TV-Anschluß etc. hinter den alten Fasseden. Wir haben ein Riesenbad mit Dusche und Badewanne(!) - klimatisert, ein sehr großzügiges Zimmer mit einem Himmelbett in der Mitte - eine richtige Spielwiese. Es ist luxuriös, sehr sauber und kühl, beinahe kalt mit 22 Grad im Vergleich zu 39 Grad draußen. Unser Hotel ist im Stil solcher Häuser gebaut, die man in den japanischen Filmen sieht: aus Holz/Bambus, mit vielen Gängen und Winkeln, zum Verirren nah, weil es alles gleich aussieht. Nur: überall moderne Sicherheitsschlösser.

   Es sind 900 Gäste hier, 300 davon sind Deutsche. Und alle müssen versorgt werden. Eine Anforderung für die Gastronomie.  Das Mittagessen ist oppulent und köstlich. Wir hantieren mit den Essstäbchen, als täten wir nie was anderes. Matthias schaufelt alles in sich rein, was auf die große Drehplatte in der Mitte des für 10 Personen gedeckten Tisches kommt: exotisches Gemüse, Reis in jeder denkbarer Variante (köstlich!), Fleisch, Fisch, Gebackenes süß und herzhaft, Algenfäden und Seegras als kleine verknotete Päckchen, Erdnüsse, Obst zum Desert. Ich schlemmere mich durch alle Gerichte durch; auch mein Mann beklagt sich nicht über Exotik auf dem Tisch.

   Auf dem Weg zum Nachmittagsbreafing mache ich schnell Fotos im Vorbeigehen: ich fotografiere Kanäle und Boote darauf, ich knipse die Einsichten in die Häuser und Tore, hier lockt mich eine Straßenszene, da ist eine interessante Warenauslage, und hinterder der nächsten Ecke entdecke ich einen Tempel mit Riesenbuddhas und bunt bestickte Seidenbehänge auf den Wänden. Überall sind Gäste, die immer mehr werden. Das Gedränge ist groß, die Straßen sind schmal: nur 3 m  breit. Ich muss aufpassen, dass ich meine Gruppe nicht verliere. Auch das ZDF-Team ist hier, man sieht die Kameraleute mit ihrer Riesenapparatur hin und herlaufen.

     Im Konferenzsaal treffen wir noch einen Bekannten von der letzten SoFi: wo sonst trifft Mann sich, wenn nicht in China, am Ende der Welt!. Herr Zekl ist allein, seine Frau verträgt die Hitze nicht (das Herz!).

    Abends geht die Beleuchtung auf, die Boote auf dem Wasser leuchten pink, die Atmosphäre ist stimmungsvoll. Ich gehe nochmal auf Fotojagd mit meiner Digi-Cam und bekomme wunderbare Bilder. Auch Matthias ist ausgeschwärmt mit seiner Technik. Das Dorf erstreckt sich auf 1,8 km. Verschiedene Brücken führen zu den anderen Straßen und Häusern. Bald bin ich erschöpft von der Hitze und Schwüle, meinen Mann habe ich längst im Straßengewirr verloren. Die Orientierung bleibt mir nur anhand der Bilder in meiner Camera. So kann ich bald den Weg zum Hotel finden. In der Lobby muss ich mich erst askühlen, der Durst ist riesig. Ich finde mein Zimmer nicht, so verwinkelt ist diese Anlage. Die freundlichen Chinesen in der Rezeption sind extra dafür da und helfen bereitwillig.

    Unser Abendbrot haben wir als Buffet bestellt. Es ist in einem großen Restaurant serviert und ist ziemlich europäisch gehalten -  wie schade! Ich packe mir einen Teller voll Garnellen, kleiner Flusskrebse und verschiedenes Gemüse. Matthias bringt uns Bier, das lauwarm ist, schmeckt aber bei diesen Temperaturen trotzdem erfrischend. Wir setzen uns an den Tisch zu einem Schweizer Ehepaar aus unserer Gruppe. Später gesellt sich auch der ältere 82-Jährige Herr Brodcorb zu uns und zeigt seine Fotos von den anderen SoFis. Er kommt auf 14 Eclipsen insgesamt, wir sind erst bei der dritten. Bis zu seinem Alter haben wir noch über 30 Jahre und mit Glück und GELD kommen wir vielleicht auch auf diese Zahl.

   Im Hotel lerne ich unser Bett mit der gemeinsamen Decke schätzen: die Klimaanlage ist auf kalte 22 Grad eingestellt, meine Knochen kühlen sich aus. So ein von der chinesischen Schwüle erhitzter Partnerkörper ist sehr praktisch dabei. Es geht nachts wie im Hundekörbchen: ist es zu kalt, sind alle Welpen in der Mitte, eng aneinander gequätscht, ist´s zu warm, sind sie einzeln an Rändern des Körbchen. Nach nur 4 Stunden  geht unsere Nacht zu Ende. Ich stelle fest, dass mein ganzer Körper schmerzt und fange mit der Entspannungsgymnastik an. Meine Verränkungen machen meinen Bettgenossen wach, vielleicht lag er auch schon wach und konnte nicht früh genug mit den Vorbereitungen für die SoFi anfangen. Bald darauf werden wir auch telephonisch geweckt: der chinesische Weckdienst! Matthias verschwindet um 5 Uhr zum Frühstück. Er hat eine beneidenswerte Gabe, zu jeder Zeit  Appetit aufs Essen zu haben. Schließlich will er ja auch schon um 8 all seine Apparate und Kameras (2 Digicams, eine Videokamera, drei Stative, ein Fernglas) am Wassertheater aufstellen. Ich bekomme gnädigerweise seinen Feldstecher, denn ich habe nicht vor, vor um 9 dort aufzutauchen.

    Meine Verränkungen und Handtuchmassage bringen keine Linderung. Ich beschließe vom großzügigen Bad Gebrauch zu nehmen. Das  heiße Wasser hilft. Inzwischen kommt mein Mann zurück: draußen ist der Himmel total zu und ES SCHÜTTET! Was Schlimmeres kann gar nicht passieren, wenn man SoFi beobachten will, extra dafür einen langen Weg zurück gelegt, alle Stapatzen auf sich genommen hat. Er donnert mit den Türen, ich verziehe mich zum Frühstück. In dieser mieslichen Lage ist er nicht allein, da hat er genug Unterstützung, um sich über die Naturgewalt auszufrusten.

23 Juli

Am Wassertheater
Am Wassertheater

Gegen 9 Uhr war ich am Wassertheater, wo schon die ganzen männlichen und weiblichen Eclipsen-Jäger ihre Positionen eingenommen haben. Das Wassertheater besteht aus halbrunden Publikumsitzen und der Bühne, die davon vom Wasserteich getrennt wird. Unter den Agierenden, die ihre Ausrüstungen zwischen den Bänken installiert hatten, befinden sich viele Sicherheitskräfte in Uniform. Alles jammert und zählt die Minuten bis das Ereignis nun statt findet. Die Menschen sind total naß, und dies nicht nur von den Regenströmen, es ist immer noch sehr schwül. Der Himmel ist zugezogen und es tröpfelt. Ich werde Zeugin von etlichen "Rumpelstielzchen-Tänzen". Das ZDF-Team dreht fleißig, fängt die Stimmungen auf, interviewt die Menschen. Das Ereignis des Jahrhunderts wird bald im fernen Deutschland sofort nach seinem Schluss übertragen. Unsere Bekannten aus Altenburg stehen neben uns mit einer beeindruckenden Technik, die Computer gesteuert wird. Dies ermöglicht auch im nachhinein gestochene Bilder von jeder Sekunde der Finsternis. Man hört die Enttäuschung und spürt einen Hauch von Hoffnung, dass all das nicht umsonst war. Und in der Tat, nach 10 Minuten hellt sich der Himmel auf, die Wolkendecke reißt, und der aufkommende Wind fegt die Sonne mit dem Mond davor frei. Der Mond hängt mit der Sichel nach unten, wie in Afrika, d.h. er nimmt zu, wird mehr (in Europa bedeutet die Mondzunahme, wenn die Sichel rechts ist). Es wird nun allmählich dunkel, ein verstörtes Vogelpärchen fliegt irritiert tief über unseren Köpfen. Ich mache schnelle Bilder mit meiner Digi-Cam, aber sie ist nicht stark genug, um die Dunkelheit zu erfassen, und ich habe keine Zeit, an den Einstellungen zu spielen, denn ich wil die SoFi beobachten. Neben uns dreht das ZDF-Team. Später werde ich mein Gesicht in den ZDF-Nachrichten wiederfinden. Auf einmal wird es sehr still, man hört nur das Klicken der Apparate und vorsichtiges Flüstern der Beteiligten. Ab und zu kräht jemand "No Flash", wenn  das Licht eingesetzt wird. 6 Minuten dauert es bis es langsam heller wird. Ich sehe den Diamantring an der Sonne und erkundige mich bei meinem Mann, ob er den Sonnenfilter benutzt. Man darf ja nicht mit bloßen Augen in die Sonne starren, man erblindet dabei. Bei unserer ersten SoFi in Bayern vor 10 Jahren hat mein kleiner Sohn seinen Vati vor der Erblindung gerettet, denn in seiner Aufregung hat Matthias vergessen, die Sonnenfilter vor die Objektive zu halten.

Als es vorbei ist, klatschen alle und jauchzen, manche fallen sich in die Arme und gratulieren. Es wird dann noch stundenlang über das Erlebte ausgetauscht, die ersten Aufnahmen ausgewertet, die Bilder einander gezeigt. Ich will nicht dabei sein, wenn die Profis darüber fachsimpeln und verlasse  das Theater. Zurück zum Dorf schieße ich einige Fotos von der Umgebung, der Natur, Häusern und Fluß. Es ist ein Versuch, noch alles in mich aufzunehmen und viele Bilder für die Heimat als Erinnerung zu bekommen: nach dem Mittagessen fahren wir zurück zum Flughafen und wollen schnell nach Deutschland. Auch wenn es mir gut gefällt hier und ich den Service sehr genieße, möchte ich endlich China verlassen und weitere Erfahrungen  und Erkundungen nur übers Internet machen. Ich glaube nicht, dass ich nochmal hierher kommen will: mir fehlen die Zeitungen und Zeitschriften, die Nachrichten und die Buchhandlungen, die bunten Boutiquen mit der letzten Pariser Mode und auch Frauen in Kleidern, die anders sind als die chinesischen. Ich will an den vorbeigehenden Passantinnen neue Ideen entdecken und ihre Outfits bewundern, ich möchte in ihre Gesichter mit europäischen Gesichtszügen blicken,  die Männerblicke erwidern, die nicht aus den Tschingisghan-Augen zu mir gleiten.

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Kommentare: 4
  • #1

    Ö+Ö a.E: (Samstag, 08 August 2009 19:05)

    Chinabericht
    Hallo Marina! Ich bin ja hin und weg von Deiner Reisebeschreibung und den schönen Fotos! Ganz wunderbar, man kann sich alles genau vorstellen - nur nicht diese feuchte Schwüle... Mir reichen heute schon 27 Grad Wärme... Haben uns vorhin die letzten Meter der 2 DVD´s angesehen - auch natürlich die Kommentare und Bilder vom ZDF. Eigentlich gehört ja viel Mut dazu soo weit wegzufahren - nein zu fliegen - meine Güte: 10 Stunden in so einem gräßlichen Flieger! Ich kann mir gut vorstellen, daß Matz nicht "amused" war, als es in Wuhzen am 22. morgens schüttete. Mein lieber Mann hätte sich ja stillschweigend damit abgefunden - ich wäre auch ein bißchen ausgerastet! Aber ihr hattet wirklich Glück mit allem in China.

    Der Opa schreibt:
    Bin ebenfalls sehr beeindruckt von deiner Fleißarbeit und wie plastisch sich Dein Bericht vor dem inneren Auge entfaltet. Ich erinnere mich noch an eine Sonnenfinsternis in Halle so in den 60er Jahren, als wir alle Stückchen von einer zerkloppten Glasscheibe mit Kerzenruß schwärzten und dann am Hansering in die Sonne schauten und ehrfürchtig erstarrten, als es mitten am hellen Tag immer dämmriger wurde. Das war richtig gruselig, da hat auch keiner geklatscht wie bei Euch, sondern es wurde nur noch ehrfurchtsvoll geflüstert...

  • #2

    Jerome (Montag, 23 Juli 2012 07:52)

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  • #3

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  • #4

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